In unserer Welpenschule gibt es kein Freispiel. Das ist schon immer so und war in der Anfangszeit sicherlich ein Wettbewerbsnachteil. Inzwischen kommen die Welpenbesitzer längst genau deswegen zu uns – und aus ein paar anderen guten Gründen. Dennoch ist es uns wichtig, dass die Welpen Spielkompetenz entwickeln und, Hand aufs Herz, wie jeder andere gucken auch wir gerne dabei zu, wie Hunde „nett“ miteinander spielen.

Eines der Ziele unserer Trainingskurse ist es, die Weichen optimal zu stellen, damit aus dem teilnehmenden Hund ein sozialkompetenter Hund wird. Was Hundetrainer unter Sozialkompetenz verstehen, ist dabei durchaus unterschiedlich. Aus unserer Sicht ist ein sozialkompetenter Hund einer, der gelassen bleibt in der direkten Begegnung mit Artgenossen. Er verhält sich freundlich gegenüber Hunden verschiedener Rassen und kann deren Verhalten und Körpersprache einschätzen. Ganz wichtig: Er geht Provokationen und Ärger aus dem Weg. Wir sind der Meinung, dass es nie einen Grund dafür gibt, Hunde irgendwelche Konflikte austragen zu lassen – im Gegenteil. Idealerweise kann ein Hund spannungsreiche Begegnungen durch deeskalierende Signale schnell entschärfen und ansonsten ist es die Aufgabe des Menschen, die Situation zu managen. Außerdem kann ein sozialkompetenter Hund locker an anderen Hunden vorbei gehen und „nett“ mit ihnen spielen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Auch in Überraschungsbegegnungen mit einem „Der-tut-Nix“ ist Spielkompetenz hilfreich, wenn der andere Hundebesitzer seinen Vierbeiner nicht abrufen oder kontrollieren kann.

Ein weiteres unserer Ziele ist übrigens, dass der jeweilige Mensch für seinen Hund in jeder Situation wichtiger ist als andere Hunde. Beide Ziele hängen durchaus zusammen, den zu viel und zu wildes Freispiel unter Hunden ist beiden abträglich.

Was ist „nettes“ Spiel… nicht?

Für Hundebesitzer ist es wichtig, dass sie lernen, Hundekontakte und Spielsituationen einzuschätzen. Leider geht das oft schon in der Welpenspielstunde schief: Die jungen Hunde kugeln durcheinander, machen wilde Jagdspiele, rempeln sich gegenseitig an, die größeren Welpen werfen  kleinere um, machen sich gegenseitig platt, verkeilen sich ineinander, beißen wild um sich, knurren, jaulen und quietschen. Dazu erklärt der Trainer, wer jetzt gerade „dominant“ und welche „Maßregelung gerechtfertigt“ sei, dass es Welpe A mal ganz gut tue, sich Welpe B „unterzuordnen“ und all das halt zum Spiel gehöre.

Genauso wenig, wie die Welpen in dieser Situation nettes Spielen lernen, können die Besitzer ihren Blick für Spielverhalten schulen. Kleine Signale gehen unter, weder die Welpen noch die Menschen registrieren bspw. die zum Stressgesicht hochgezogenen Lefzen oder das Abwenden eines Blickes, Züngeln, die ängstlich eingeklemmte Rute oder den Versuch, sich der Situation zu entziehen, denn alles geht schnell und umso schneller, je größer die Gruppe ist. Die Kommentare des Trainers tun ihr übriges. Wenn ein vermeintlicher Fachmann solche Szenen zum normalen Spiel erklärt, braucht man als Neuhundebesitzer schon einiges an Selbstbewusstsein, um dem vielleicht miesen Bauchgefühl dazu trotzdem zu vertrauen. Manchmal wäre es nämlich einfach besser, seinen Welpen auf den Arm zu nehmen und zu gehen.

Wer jetzt denkt, das Szenario sei übertrieben dargestellt und heutzutage würde Welpenspiel in der Hundeschule anders ablaufen, der hatte bisher wohl das Glück, nur an gut geführte Welpengruppen zu geraten. Natürlich geht es auch anders, aber es gibt leider immer noch viel zu viele Welpen- und Junghundegruppen, die dem Negativklischee voll entsprechen. In unserer Trainerfortbildung müssen die Trainer als Hausaufgabe bei einer Welpenspielgruppe in einem Verein oder einer Hundeschule in ihrem Umkreis zuschauen und anschließend einen Bericht darüber schreiben. Die Stories aus ganz Deutschland gleichen sich und auch bei YouTube gibt es zahlreiche Videos, die sich als Lehrmaterial dafür eignen, wie nettes Spielen nicht aussieht.

Nettes Spiel erkennen

Ein entscheidendes Merkmal für nettes Spiel ist, dass es auf einem geringen bis mittleren Erregungslevel abläuft. Ob Knutsch- und Kuschelspiele, gemeinsames am Spielzeug hängen oder Rennen und Fangen – all das ist schöner anzusehen, wenn die Emotionen nicht hochkochen. Was man beobachten sollte, sind wiederholte Spielaufforderungen der Spielpartner. Das kann beispielsweise die klassische Vorderkörpertiefstellung sein, das Spielzeug, das dem Kumpel immer wieder hingehalten oder vor die Füße gelegt wird oder das Anbieten von Rennkreisen. Die „Einladungen“ zum Spielen sollten idealerweise von beiden gezeigt werden, zumindest aber muss offensichtlich sein, dass nicht ein Hund dem anderen damit auf die Nerven geht.

In einem schönen Spiel wechseln die Rollen der Spielpartner. Bei Rennspielen läuft mal der eine, mal der andere vorweg, schlägt Haken, oder verfolgt. Es sollte von alleine zu Pausen kommen, die dann auch als Anlass zum Rollentausch genutzt werden können. Beide Spielpartner nehmen sich idealerweise immer wieder zurück, anstatt sich gegenseitig höher zu puschen. Die Unterbrechungen sorgen dafür, dass die Erregung nach jeder Action wieder sinken kann.

Sind die Hunde größen- und gewichtsmäßig sehr unterschiedlich, zeigt sich Spielkompetenz auch im Selbsthandicap. Das bedeutet, der größere Hund legt sich beispielsweise hin, bewegt sich langsamer und dosiert seinen Krafteinsatz. Diese Strategie hilft auch, damit unsichere und zurückhaltende Hunde leichter ins Spiel finden. Ideals ist es also, sich auf den jeweiligen Partner einstellen zu können.

Die Körpersprache beider Hunde sollte locker und weich wirken, im Gegensatz zu steifen Bewegungen und starrer Mimik, die Anspannung zeigen. Im Spiel werden Bewegungen oft übertrieben, es wird gehopst und gerannt wie in einem Comic und das meist in Kreisen. Auch der Rücken und die Rute sind dabei eher gebogen.

Am besten verlässt man sich zur Einschätzung einer Spielsituation auf seine eigene Intuition: Nettes Spiel kann man mit einem guten Gefühl beobachten, ohne Angst haben zu müssen, dass die Stimmung umschlägt und es zwischen den Spielpartnern zu Stunk kommt.

Gute Bedingungen schaffen

Dass Hunde nett miteinander spielen können, ist nicht selbstverständlich. Sie müssen einerseits  Gelegenheit haben, viele positive Begegnungs- und Spielerfahrungen mit verschiedenen Hunden zu sammeln. Andererseits sollten sie jedoch keine feste Spielerwartung mit Hundebegegnungen verknüpfen, da dies leicht zu erhöhter Erregung, Frustration und daraus resultierendem ungünstigem Verhalten führt, wenn keine Kontaktaufnahme gewollt ist.

Im Alltag mit einem Welpen oder jungen Hund geht es vorrangig darum, ihn vor unangenehmen Erfahrungen mit Artgenossen zu schützen. Auf Aussagen von fremden Hundebesitzern wie „Eigentlich mag er Welpen…“ sollte man sich daher lieber nicht verlassen. Jede Hundebegegnung mit einem unbekannten Hund ist eine ideale Gelegenheit, um das entspannte Vorbeigehen zu trainieren. Spielkontakte sollte man ihm nur mit Hunden ermöglichen, deren Verhalten man wirklich einschätzen kann.

Damit die Rahmenbedingungen für ein nettes Spiel stimmen, brauchen Hunde Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen. Ein gemeinsamer Spaziergang zu zweit ist ideal dafür und sollte genügend Ablenkungsmöglichkeiten bieten. Schüchterne Hunde können schon mal unauffällig dem anderen hinterher schnüffeln, was man zusätzlich mit Marker, Lob und Belohnungen verstärken kann. Stürmische Hunde haben die Gelegenheit, die erste Erregung über Bewegung abzubauen. Click-für-Blick mit zum Suchen ausgeworfenen Futterbelohnungen unterstützt das „Runterkommen“. Erst wenn die Vertrauensbasis geschaffen ist und sich beide wohlfühlen, wird abgeleint.

Auch im Freilauf ist es sinnvoll, den Spaziergang fortzusetzen, damit es immer noch andere Optionen als sofortiges Spielen gibt. Schnüffeln, nachschauen, was da geraschelt hat oder einfach nur gemeinsam in die gleiche Richtung laufen – mal voraus, mal auf Abruf zurück – entspannt die Situation weiter. Wenn keiner der Hunde auf die Idee kommt, den anderen zum Spielen aufzufordern, kann man eine Pause einlegen, bei der sich die Menschen vielleicht sogar hinsetzen.

Spielkompetenz fördern

Großen Anteil beim Aufbau von Spielkompetenz haben tatsächlich das Verhindern von schlechten Erfahrungen und das Schaffen von optimalen Bedingungen. Damit ist auch gemeint, dass man seinen Welpen mit solchen Hunden spielen lässt, die gute Vorbilder für nettes Spiel sind. Junge Hunde imitieren das Spielverhalten ihres Gegenübers und passen sich an. Haben sie feste Spielfreunde, können dabei leicht bestimmte Gewohnheiten entstehen, die dann im Kontakt mit anderen Hunden zu Problemen führen. So kommen auch rassetypische Spielvorlieben bei Hunden anderer Rassen nicht immer gut an: Der lautstark knurrende Jack Russell verschreckt mögliche Spielpartner, der Labrador macht sich mit Rempeln unbeliebt und das Anschleichen des Border Collies wird leicht als Provokation statt Spiel verstanden.

Kennen sich zwei Hunde gut und stimmt die Vertrauensbasis, sehen sie auch mal über „nerviges“ Verhalten des anderen hinweg. Als Besitzer sollte man jedoch im Hinblick auf Spielkontakte mit verschiedenen Hunden bestimmte Verhaltensweisen fördern und andere unterbinden. Schaffen es die Hunden bspw. nicht von alleine, Spielpausen einzulegen und sich zu entspannen, sollte man ihnen genau dabei helfen. Die einzelnen Spielsequenzen sollten immer nur kurz sein, danach können beide mit ausgestreuten Leckerchen in verschiedene Richtungen abgelenkt oder ins Platz gelegt werden, bevor sie weiterspielen dürfen. Versucht ein Hund aufzureiten, wird zu körperlich oder fühlt einer der Hunde sich bedrängt und zeigt Stressanzeichen, sollte das Spiel ebenfalls durch den Menschen unterbrochen werden. Vielleicht ist die Erregung zu hoch und die Hunde brauchen eine längere Pause. Vielleicht passt das Spielverhalten aber auch nicht zusammen. Gerade, wenn ein Hund bereits gelernt hat, sehr körperbetont oder in hoher Erregung zu spielen, wird es meist schwierig. Je höher die Erregung, desto gröber wird das Spiel und desto eher reagiert einer der Hunde über, weil seine Signale nicht beachtet werden.

Beide Hunde sollten während des Spiels jederzeit ansprechbar und abrufbar sein. Um mit dem vierbeinigen Kumpel konkurrieren zu können, ist es daher für den Besitzer wichtig, selbst viel und actionreich mit seinem Hund zu spielen. Gemeinsame Zerrspiele stärken die Bindung zwischen Mensch und Hund und sind eine gute Möglichkeit, das Einhalten von Spielregeln und den „klaren Kopf“ des Hundes auch in höheren Erregungszuständen zu trainieren. Außerdem sollte ein junger Hund von Anfang an lernen, in jeder Situation Futter anzunehmen. So kann man später je nach Bedarf die Vorteile verschiedener Belohnungen nutzen und das Futter ganz gezielt einsetzen, um Entspannung in Spielpausen zu fördern.

Besonders für große Hunde und Vertreter leicht erregbarer Rassen ist es wichtig, dass sie lernen (auch) im Liegen zu spielen. Wenn sie auf diese Idee nicht von alleine kommen, kann man sie entweder in Spielpausen immer wieder dazu auffordern oder – je nach Situation und Spielpartner – Kontakte sogar nur im Liegen und mit Leine abgesichert zulassen. Man kann den Hund zusätzlich mit ruhigem verbalen Lob beeinflussen und nettes Spielverhalten durch markern verstärkern.

Ein konditioniertes Entspannungssignal ist in vielen Situationen Gold wert und kann auch beim Spielen eingesetzt werden. Das Ziel sollte jedoch immer sein, es gar nicht zu brauchen. Gestaltet man Spielkontakte beim gemeinsamen Spaziergang, lernen Hunde ganz nebenbei, dass sich Action mit anderen Programmpunkten abwechselt.

Hugo und Funny

Hugo ist ein fast zweijähriger, 36kg schwerer und 63cm großer Golden Retriever Rüde. Funny ist ein halbes Jahr jünger, 30kg leichter und mit 38cm eine eher kleine und zierliche Mini Aussie Hündin. Die beiden sehen sich nur sehr sporadisch, aber wenn sie sich treffen, spielen sie wunderbar nett miteinander.

Hugo und Funny hatte in den ersten Monaten nur abgesicherten Kontakt. In dieser Zeit hat Hugo gelernt, sich zum Spielen mit kleinen Hunden hinzulegen. Da ihre Begegnungen außerdem auf sehr niedrigem Erregungslevel abliefen, hatten sie die Möglichkeit, fein miteinander zu kommunizieren. Das war sowohl für den im Wachstum körperlich eher unkoordinierten Hugo, als auch für die überschwängliche Funny eine wichtige Zeit. Jetzt kennen sie sich so gut, dass Hugo auf jeden schiefen Blick von Funny Rücksicht nimmt und Funny weiß, wie sie den großen Kerl am besten um die Pfote wickelt.

Hätten sich die beiden auf einer Hundewiese kennengelernt, wäre diese Freundschaft sicherlich niemals entstanden. Mit seinem jungen Hund in den Park zu gehen, ihn abzuleinen und zu sagen „spiel mal schön“, ist sehr blauäugig. Wer sich einen spiel- und sozialkompetenten Hund wünscht, sollte vor allem in den ersten Lebensmonaten (und –jahren) die Bedingungen dafür optimieren. Spielen ja, aber bitte nur nett.

+++ Veröffentlicht in der SitzPlatzFuss 37, bestellbar als Einzelheft unter www.cadmos.de +++

Wie nettes Spiel gelingt